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Frühling 2005

gehoert

Musik

Bright Eyes

I’m wide awake it’s morning

Digital ash in a digital urn

beide: Saddle Creek/Ixthuluh 2005

Da liegen sie, und lecken ihm die Füße: Conor Oberst, dieser immer schüchtern wirkende Mann aus Omaha, Nebraska, hat die Kritiker dieser Welt fest in seinen Händen. Er könnte derzeit ein beliebig schäbiges Album veröffentlichen – es würde für gut befunden werden. Doch wir wissen: Gott ist gnädig.

Und so liefert Oberst nach fünf Platten mit seinen in der Besetzung ewig wechselnden Bright Eyes gleichzeitig zwei weitere hervorragende Alben ab, die eines verdeutlichen: Dieser junge Mann wird kein Großer mehr, er ist es bereits. Auf „I’m wide awake ...“ nimmt er lyrisch erstmals Abstand vom Privaten und spielt die Rolle des Beobachters, während er musikalisch eine Perle an die andere reiht. „Land Locked Blues“ beispielsweise, einer der Songs, bei dem der 24-Jährige von der Grande Dame des Folk, Emmylou Harris, herzerweichend unterstützt wird. Oder „Lua“, diesem zynischen Nichts von Song.

Den großen Schritt in Richtung Zukunft hat der Wahl-New Yorker aber mit „Digital ash ...“ gemacht. Oberst übt sich in der Symbiose aus großen Melodien und knarzig-spastischen Beats und deutet an, welch traumwandlerische Sicherheit für packende Popmusik in ihm steckt. Dieser Mann schreibt Songs mit Herzblut statt Tinte und ist der wohl beste Songschreiber der Gegenwart.

Tobias Pötzelsberger

Fucoustic

plays Fugazi

Ugly Tree 2004

Noch schwieriger als einen guten Song zu schreiben ist es, gute Songs gut zu covern.

Die Liste derer, die sich daran die Zähne ausgebissen haben, ist erschreckend lang – umso erfrischender ist es deshalb, was die jungen Vorarlberger Lehrer Daniel Amann und Andi Gantner zustande gebracht haben.

Ausschließlich mit akustischen Gitarren nähern sie sich dem Werk der fast schon revolutionär wichtigen Post-Hardcore-Band Fugazi, die in einzigartiger künstlerischer Autonomie Meilensteine der (politischen) Rockmusik geschrieben hat. Gleichzeitig öffneten sie mit ihrer Musik Tür und Tor für Bands wie die leider verblichenen At the drive-in, die das Genre richtig groß werden ließen. Umso schwieriger scheint es auf den ersten Blick, sich mit Akustikgitarren, also in Rockmaßstäben gedacht mit quasi nichts, an Fugazi zu versuchen. Doch der Erfolg ist die Tochter des Mutes. Mit Respekt vor dem Werk und der ausdrücklichen Zustimmung von Fugazi-Sänger Ian McKaye erweitern Gantner und Amann den Horizont jedes Fans und machen sich in spannender Weise 13 Songs zu Eigen, ohne ihnen die Seele zu nehmen. Sie machen die Vorstellung möglich, dass an manchen Lagerfeuern künftig das STS-Liederbuch verbrannt und stattdessen Fucoustic gespielt wird. Auch nicht schlecht.

Tobias Pötzelsberger

Biffy Clyro

Infinity Land

Beggars Banquet/Edel, 2005

Ihre Welt bleibt anders: Biffy Clyro, das Trio aus dem schottischen Kilmarnock, kreiert auch auf seinem dritten Album Unerwartetes, das Fans von Aereogramme, Oceansize und Weezer gleichermaßen zufrieden stellen müsste. „Blackened Sky“, der Erstling aus 2002, war ein zum Weinen schönes Wechselspiel von Laut und Leise, mit weltumarmenden Melodien, gemacht aus Rock. Der Nachfolger „Vertigo of bliss“ wurde unter Stammproduzent Chris Sheldon innerhalb eines Tages aufgenommen – und klingt auch so. File under: gute Ideen, unausgegoren – trotzdem aber ein Stück unkonventioneller Gitarrenmusik. Mit „Infinity Land“ holen Biffy Clyro zum großen Schlag aus. Den Blick in Richtung Zukunft gewandt, entspringt ihrer unbändigen Experimentierfreudigkeit ein komplexes, nicht zu bändigendes und ständig wachsendes Werk.

Ob es die umwerfenden Gitarrenwände in „Strung your ribcage“ sind, die süffisanten Bläser in „The weapons are concealed“ oder das dank Simon Neils markanter Stimme hymnisch-schwebende „Wave upon wave“: Biffy Clyro tun, was sie wollen und gewinnen auf der ganzen Linie. Der Mund steht offen und es ist klar: So klingt Rock der unbeschränkten Möglichkeiten.

Tobias Pötzelsberger




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