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Frühling 2005

gelesen

Bücher

Robert Foltin

Und wir bewegen uns doch.

Soziale Bewegungen in Österreich.

edition grundrisse, 2004

Das einzig wirklich Gute an der 50-Jahre PatriotInnen-Feier ist dieses Buch. Gerade rechtzeitig ist es erschienen, um uns „das andere“ Österreich und seine Geschichte näher zu bringen. Das andere Österreich ist ein Streifzug Foltins durch zivilcouragierte Aktivitäten zwischen Staat und privat, deren kleinster gemeinsamer zukünftiger Nenner eine immer unüberschaubarere Multitüde ist. Umso wichtiger, ein Standardwerk wie dieses bei der Hand zu haben, das die gesammelte Beschreibung der sozialen Bewegungen von der Nachkriegszeit bis heute in sich vereint, dabei stets detaillierte Kenntnisse des internationalen politisch-gesellschaftlichen Kontextes vermittelt, und trotz einer unglaublichen Faktentreue und

-anzahl ein Vergnügen zu lesen ist. Freundeskreis’ „You are a part of it, so get to the heart of it“, hat endlich sein würdiges literarisches Pendant gefunden. Doch wenn Foltin den Anspruch des Buches „den Kapitalismus emanzipatorisch zu überwinden“, argumentiert, wird die Theoriedichte zum Problem, weil sie für die Wuchtigkeit der Argumente zu ungenau definiert ist, um zu überzeugen, andererseits, wenn vorhanden, zu überfrachtet, was die Reflexion erschwert.

„Die Kontrolle über Körper und Seele erfolgt durch Einordnung und Normierung.“ (Foltin 2004, S 19), dem Autor allerdings ist es gelungen, über Betriebsblindheit und Klassifizierungswut hinweg zu schreiben und die Bestandsaufnahme einer gesellschaftlichen Kultur zu zeichnen, die in kommerziellen Medien entweder geleugnet oder verunglimpft wird. Einziges Manko, neben den zwei offenen Fragen, ob Männer nun überflüssig sind oder nicht und ob es tatsächlich schlecht ist, dass der Postfordismus familiäre Gewalt zum öffentlichen Subjekt und damit Teil der Kontrollgesellschaft gemacht hat: Die illustrierenden Bilder im Innenteil haben großteils nur PlatzhalterInnenqualität. -coran-

Astrid Vits

Du und viele von deinen Freunden

Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin

Knapp 530 Seiten stark, eng bedruckt und laut Küchenwaage ein gutes Kilo schwer: Astrid Vits hatte mit ihrem ersten Buch viel Arbeit. Die freie Journalistin aus Hamburg fuhr für Interviews mit 34 deutschen Popbands und Solo-KünstlerInnen durch die gesamte Bundesrepublik. Immer im Gepäck: ein Tonbandgerät, von dem später akribisch genau abgetippt wurde, sowie eine Flasche Sekt, um den GesprächspartnerInnen die Zunge zu lockern.

Getrunken (und dabei geredet) haben den Sprudel Bands und KünstlerInnen wie Tomte, Wir sind Helden, Jan Plewka, 2raumwohnung, Kettcar, Miles, Kante, Sportfreunde Stiller oder Bernd Begemann – allesamt KünstlerInnen, die auf ihre Art wichtige Teile der deutschen Indie-Szene sind.

Mit ihren Gegenübern führte Vits keine knallharten Interviews, sondern eher Kaffeehausgespräche, in denen manchmal auch naive Fragen erlaubt sind. Damit ist sie immer auf der sicheren, wenn auch abschnittsweise etwas langatmigen Seite. Dass man manche Seiten überblättert, ist aber nicht unbedingt Vits’ Schuld, denn schließlich geben ja auch und vor allem MusikerInnen bisweilen Langweiligkeiten von sich. Einziger, dafür aber schwer wiegender Schwachpunkt ist das Fehlen von Interviews mit so wichtigen Bands wie Tocotronic und Blumfeld, spannend sind dafür die Gespräche mit klugen Köpfen wie Thees Uhlmann (Tomte) oder Bernd Begemann. „Du und viele von deinen Freunden“ lässt den Leser mit am Interview-Tisch sitzen und gibt – wenn auch nicht vollständig – viel Aufschluss über die Köpfe des deutschen Indiepop.

Tobias Pötzelsberger

Peter Kronreif

Dorfgeher

Eigenverlag, Hamburg 2004

Wer Peter Kronreif von seinen Lesungen im ARGE Beisl kennt, weiß, dass er nichts mit jenen Literaten gemein hat, die die Bühne als verhuschte Stotterer betreten: Kronreif poltert über Politik, er liest rumpelnd Liebesreime oder wirft deftige Gedichte über Wirtshäuser und Kellnerinnen ins Publikum.

Wer ihn so vor Augen hat, dem werden auch die Gedichttexte in seinem neuen Buch zum Gaudium; wer den Autor nicht lesen gehört hat, mag die zotigen, manchmal etwas holpernd gereimten Verse als zu effekthascherisch abtun, sollte sich dadurch aber nicht daran hindern lassen, bis zu den Prosatexten vorzudringen. Die Personen in diesen Geschichten und Briefen sind dem Leser entweder ihrem Verhalten und Auftreten nach bekannt (Bürgermeister, Pfarrer, besagte Kellnerinnen) oder vollkommen unbekannt („Schneeforscher“, „Marterpfahlpädagogen“, „Viertelheilige“), immer aber werden sie vom Autor durch alle denkbaren Arten von Zerrlinsen und Hohlspiegeln betrachtet, unter denen ihre Handlungen so skurril-verzogen wirken, dass Kronreifs Prosa manchmal der eines Karl Valentin nahe kommt, der sich grantelnd über gesellschaftliche und politische Missstände auslässt.

Gerade das Lokalpolitische entspricht dem Bodenständig-Absurden von Kronreifs Sprache am besten; die Berichte an seine „alte Bettgenossin“ Maridl beispielsweise verfasst er vorzugsweise in Landgasthöfen, wo ihm von Stammtischbrüdern und Bedienungen kaum zu glaubende Neuigkeiten zugetragen werden. Dass der Autor Figuren weiblichen Geschlechts meist nur dann halbwegs intelligent und umgänglich darstellt, wenn es sich um Kellnerinnen handelt, mag bei der Lektüre stören – hört man Kronreif hingegen in einer Wirtschaft lesen, werden auch diese Texte im besten Sinne originell.

Christian Lorenz Müller




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