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Frühling 2005

Toni Prlic

Namenlose Selbstbestimmung

Im „Infoladen“ treffen und organisieren sich Salzburgs Autonome.

Ulrike, Andreas und Rudi heißen eigentlich anders. „Namen werden uns von der bürgerlichen Gesellschaft aufgezwungen“, sagen sie. Und repräsentieren somit das, womit die drei nichts zu tun haben wollen. Deswegen sollen ihre Namen auch nicht in der Zeitung stehen. Lieber wäre ihnen, man würde „die vom Infoladen“ sagen. Dort trifft man sie meistens an, gegründet haben sie ihn auch.

Die Idee der Infoläden kommt eigentlich aus Deutschland. „Aus den Hippie-Teestuben der 60er und 70er“, meint Ulrike, obwohl Andreas und Rudi das bezweifeln. Sicher ist, dass nach dem Wegfall der linken Buchläden und der besetzten Häuser in den 1980ern und 1990ern die Autonomen und die HausbesetzerInnenbewegung der BRD „selbst bestimmte, linksradikale Orte“ schaffen wollten, weil „der Austausch und die Diskussion von und über staats- und gesellschaftskritische Themen be- und verhindert wird und wurde“, wie es auf der zentralen Website der Infoläden heißt.

Der Salzburger Infoladen entstand im Zuge des World Economic Forum 2002. „Wir waren deprimiert, dass es überall sowas gibt, nur in Salzburg nicht.“ Nun wollten sie das Potenzial der Proteste gegen das WEF nutzen, und abseits vom Social Forum „eigenständig weitermachen“. Weitermachen, das heißt einen Ort schaffen, an dem man linke Bücher ausleihen und linke Zeitschriften lesen kann. Materialien, die man in keinem Buchladen findet, und die man sonst nur in Graz oder Wien bekommen würde. Den Anfang machten allerdings Glühweinstände mit Infotischen. Seither stellen sie bei allen möglichen Veranstaltungen Infotische auf, und versuchen so ihre Gesellschaftskritik und ihre Vorstellungen vom Leben unters Volk zu bringen. Angesprochen werden sollen vor allem junge Leute. Obwohl: „Sehr erfolgreich sind wir damit nicht“, meint Andreas, „ein bisserl zumindest“, wirft Ulrike ein.

Darüber hinaus veranstalten „die vom Infoladen“ Videoabende, Vorträge und Buchpräsentationen. „Es soll ein Ort da sein, um sich zusammenzusetzen, etwas zu organisieren, sich zu vernetzen.“ Auch für andere Gruppen: Für das „Antifaschistische Aktionsbündnis Salzburg“ zum Beispiel, das von dort aus schon zwei Demos organisiert hat. Oder für eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen, die im Infoladen eine Zeitung gegründet hat. Autonom, versteht sich.

Der Infoladen wird unentgeltlich betrieben. Hobby ist er aber auch keines: „Hobby bedeutet, die arbeitsfreie Zeit zu verwenden, und Arbeit ist etwas Schlechtes, also ist auch ein Hobby etwas absolut Schlechtes.“ Der Infoladen ist also kein Nebenprodukt bürgerlicher Lohnversklavung, sondern für die drei auf jeden Fall Hauptsache. Finanziert werden muss die monatliche Miete trotzdem. Das gelingt dem Verein mit Mitgliedsbeiträgen und dem Erlös von Getränkeverkäufen. „Die verkaufen wir aber nicht teurer, sondern wir kriegen sie billiger“, verteidigt sich Ulrike sofort. Subventionen lehnen sie prinzipiell ab. „Das ist das Gleiche, wie wenn man sagt, ‚dann geh ich halt hackeln‘, das will ich ja auch nicht.“ In beiden Fällen verkaufe man sich und werde unglaubwürdig.

Auch Veranstaltungen werden nicht aus reiner Profitgier organisiert: Letztes Jahr gab es am 1. Mai unter dem Motto „Reclaim The Park“ im Lehener Park ein Fest. Hintergrund war, einen Ort für sich zu beanspruchen, „den junge Leute sowieso nutzen sollten“. Dabei ging es nur um die Sache, verdient hat niemand etwas.

Wenig Unterstützung bekommt der Infoladen von Salzburgs Studierenden, obwohl man von denen naturgemäß politisches Engagement erwarten könnte. „Wir haben auf drei Videoabenden an der Universität Infotische gemacht, die Studenten machen immer einen großen Bogen darum.“ Eigentlich schade, denn prinzipiell sind im Infoladen alle willkommen. „Schau doch wieder mal vorbei, am Sonntag gibt’s Frühschoppen mit veganer Weißwurst!“, heißt es zum Abschied. Ein Angebot, das man unmöglich ausschlagen kann.




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