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Frühling 2005

Markus Grüner

„Das System hat mich gekriegt“

Rocko Schamoni arbeitet in Wien für das Theater und bleibt ernst.

Der Abend im Restaurant Beograd beginnt trocken. Das liegt einerseits am Kellner, der seine Gäste quälend lange warten lässt und andererseits an Rocko Schamoni. Der kommt direkt von einer Probe für das Theaterstück „Ernst ist das Leben“ (Bunbury) von Oscar Wilde, für die Erstaufführung der neuen Fassung von Elfriede Jelinek, am Akademietheater Wien. Für diese Inszenierung von Falk Richter mit SchauspielerInnen wie Kirsten Dene und Michael Maertens macht Rocko Schamoni die Musik und lebt zu diesem Zweck für ein paar Wochen in Wien.

Der Aufenthalt scheint seine Spuren zu hinterlassen. Die notorische Frohnatur mit Charme, Humor und Bissigkeit sitzt grüblerisch vor dem leeren Tisch, von dem Kellner fehlt nach wie vor jede Spur. „Es ist erstaunlich, wie sehr die Klischees dieser Stadt tatsächlich stimmen über die Härte, das Ordinäre. Aber auch über das Schöne, den Protz und wie hart die Kellner im Café sind. Das Morbide ist sowieso schon in mich eingezogen.“ Schamoni fühlt sich trotzdem wohl in Wien, was weniger mit der Stadt als mit ein paar Freunden zu tun hat, die er inzwischen hier gefunden hat. Um den abendlichen Depressionen im Zimmer seiner Pension zu entgehen, „verstübelt“ er sich, das heißt man trifft sich konspirativ und „pichelt“. Gutes Stichwort: Der Kellner biegt ums Eck und bringt das überfällige Bier.

Rein äußerlich nichts mehr vom wilden, rebellischen Punk der 80er Jahre übriggeblieben. Damals mit knapp 20 war er mit einem Gastauftritt bei den Goldenen Zitronen aufgefallen und anarchistische Systemkritik mit dem smarten Lächeln eines Lausbuben wurde seine Eintrittskarte in die Musikwelt.

Nun, knapp 20 Jahre später ist er Teil der Kulturmaschine, arbeitet für die renommiertesten Theater im deutschsprachigen Raum und sein Buch „Dorfpunks“ wurde gut 30.000 Mal verkauft. „Das System hat mich gekriegt.“ sagt er ganz ohne Lächeln und fügt dazu: „ Als der, der ich früher war, hätte ich natürlich den, der ich heute bin, verurteilt, wie ich damals auch die verurteilt habe, die das damals gemacht haben. Gleichzeitig versuche ich auch meine Vorbehalte gegenüber solchen Institutionen durch die Arbeit an solchen Häusern abzubauen.“

Vom Dorfpunk zum Dandy

Ganz ist dieser Versuch noch nicht gelungen, denn mit all den Strukturen und Hierarchien des Kunstbetriebes kann er nichts anfangen. Theater ist für ihn nur dann interessant, wenn ihn die richtigen Leute fragen, so wie dieses Mal Falk Richter. Beide interessiert an Jelineks Neuübersetzung der Dandyismus, kaputte Gesellschaften und kaputte Menschen. Also Themen, die Schamoni in seinen Songs schon seit 20 Jahren bearbeitet. So ist der Dandy wohl für ihn die logische Weiterentwicklung des Punk, die adaptierte Form der Nichtangepasstheit, die aber ein hohes Maß an Überlebensfähigkeit garantiert. Das Theater als Medium erlaubt eine intensivere Auseinandersetzung und Bearbeitung „seiner“ Themen. Die Menschen, die er als Popmusiker erreichte, werden diese Arbeiten aber nicht erleben. Die haben ohnehin zur Zeit so viel deutsche Popmusik um die Ohren, dass Schamonis Auszeit wohl gerade im richtigen Moment kommt. Er, der immer die deutsche Sprache für seine Songs verwendet hat, staunt über den deutschen Pop-Boom. Und ebenso staunt er über die Forderung seiner KollegInnen nach der „Deutsch-Quote“ im Radio. „Wenn diese Quote kommt, dann läuft ja auch der ganze Schwachsinn à la Jeanette Biedermann. Ich wünsche mir eher eine Qualitätsquote. Aber wer bestimmt dann wieder, was gut ist und was nicht?“

Irgendwie hat er zur Zeit keine besondere Lust, neue Platten aufzunehmen und mit Band auf Tour zu gehen. Das erstaunt, denn kaum jemand zwischen Hamburg und Wien ist ein besserer Entertainer als Rocko Schamoni. Auf der Bühne zu stehen, macht ihm zwar Spaß, aber das Reisen, die Hotelzimmer mit all dem Alkohol, das strengt an, er wirkt müde. Hier in Wien lebt er zwar auch aus dem Koffer, aber das Zimmer ist wenigstens immer das Gleiche. Die Verkaufserfolge seiner Bücher „Das Risiko des Ruhms“ und „Dorfpunks“ erlauben es ihm, in den nächsten Monaten nicht auf Tour gehen zu müssen. So bleibt ihm Zeit, in den nächsten Monaten den „Pudels Club“ in Hamburg wieder zu eröffnen, und mit Studio Braun Radiosendungen zu machen. Aber die Radiolandschaft in Norddeutschland ist mittelmäßig und Rocko hat Angst, dass ihn der NDR über den Tisch zieht.

Wieder ein gutes Stichwort: Fritz Ostermayer vom FM4 Sumpf und Schamoni-Pianist „Jones“ betreten das Lokal. Ostermayer, den Schamoni „Fipsi“ nennt, kennt das Lokal und ist gerne hier. Diese Regelmäßigkeit wird belohnt, der Kellner nimmt sofort die Bestellung auf und bringt unverzüglich Bier.

Jetzt taut Rocko ein wenig auf, wenn später Christoph Grissemann auftauchen wird, kann das „Verstübeln“ weitergehen. Bis dahin kämpfen die beiden Hamburger noch mit der Speisekarte. Welches Steak, wie durch und mit welchen Beilagen ? Solche Fragen machen den Kellner noch genervter. Später wird das Essen irgendwie nicht passen, das Steak wird zu blutig sein, und die Beilagen werden auch nicht ganz stimmen.

Für den Aufwand haben die Lokaleigner noch einen besonderen Racheengel parat: Ein reizender, wenn auch seniler Geigenspieler raunzt Melodien in Moll mit Klavierbegleitung durchs Lokal, so quälend, dass Rocko nie wieder was gegen Jeanette Biedermann sagen wird. Im Programmheft des Burgtheaters wird er als „Musiker, Lebemann, Autor und Post-Punk-Ikone“ bezeichnet. Beschreibungen dieser Art entlocken ihm ein müdes Lächeln. Er ist Teil des Systems geworden und trotzdem ein eigenständiger Künstler geblieben. Früher hat er sich durch seine Prinzipien viele Möglichkeiten verbaut. Jetzt nimmt er diese Angebote an, solange seine künstlerische Freiheit gewahrt bleibt.

Und was das Andere betrifft, wird er wohl in jeder Stadt ein paar Leute treffen, um gemeinsam wunderbare Abende zu „verstübeln“.




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