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Frühling 2005

Hans Lindenbaum

Briefmarken statt Brücken

Schulterschluss und Sonntagsreden: Unsere Euregio wird zehn!

Frühsommer 2004. Die euregionale Welt ist noch in Ordnung. Schon zum 15. Mal trifft sich deren „Rat“, kurz danach weilt gar eine Delegation des Bezirkstages von Oberbayern im Chiemseehof. Einmal öfter beschwört man die Segnungen des grenzüberschreitenden Bündnisses.

Herbst 2004. Neue fragwürdige Absichten rund um den Wildwuchs des Airportcenters tauchen auf – Politikern des grenznahen Bayern langt’s: Zwei CSU-Männer, der Landtagsabgeordnete Roland Richter und der Bürgermeister von Anger, Sylvester Enzinger, stellen fest, die „österreichische Seite“ habe Vereinbarungen der Euregio „schlichtweg ignoriert“. „Den Landkreis gegen Salzburg positionieren“, titelt ein bayerisches Lokalblatt, als stünde ein neuer Franzosenkrieg bevor. Und eine „Heimatzeitung“ verbreitet euregionale Weltuntergangs-Stimmung: Der Ton werde schärfer, die Tage des Miteinander mit Salzburg seien gezählt.

Weihnachten 2004. Cooldown der Besonnenen: Landeshauptfrau Gabi Burgstaller und Landrat Hermann Steinmaßl betreiben Deeskalation und finden neue Felder für sinnvolle Zusammenarbeit – zum Beispiel in den Bereichen Gesundheit und Pflege, die hüben wie drüben an die Grenzen der Finanzierbarkeit stoßen.

Jänner 2005. Im Talkessel rumort es. Das ist im Sprachgebrauch des Berchtesgadener Landes die Bilderbuchszenerie zwischen Marktschellenberg und dem Pass Hallthurm. Eine Bürgerinitiative will die fünf Gemeinden dieses „inneren Landkreises“ zusammenführen, um Geld zu sparen. Und wie seit Jahren ist in beinahe jeder Diskussion, die im bayerischen Grenzraum abläuft, Salzburg als Steinerner Gast anwesend – verschlagwortet mit Europark, Eugendorf und Airportcenter. Eine „Einbahnstraße nach Salzburg“ dürfe es nicht geben, sagt Euregio-Boss Steinmaßl.

Nachbarschaft in Nöten – kurz vor dem zehnjährigen Bestehen dieser Euregio der Etablierten. Das „grenzüberschreitende Entwicklungskonzept“ für die Würste? Franz Schausbergers „Zukunftsdialog zum Wirtschaftsstandort Europa-Region Salzburg“ nur mehr Zeitgeschichte wie er selbst auch? Was hatten bayerische und Salzburger Polit-Promis bei der Gründung im Mai 1995 nicht alles vorhergesagt – und nun das! Bürgermeister Enzinger: „Die Euregio hat bislang nur Papier produziert, wenn auch gutes Papier dabei war.“

Aber der Zusammenschluss von Kommunen aus den beiden bayerischen Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land und den meisten Salzburger Gemeinden war von Anfang an ein Hätschelkind von Politiker- und Bürokraten-Herzen und keine Basisbewegung. Noch dazu eine Erfindung mit unverhohlener CSU-ÖVP-Schlagseite: Volkskunde, Blasmusik und Folklore als Duftmarken. Wollte man damit bei der breiten Schicht gut ausgebildeter Leute im Salzburger Zentralraum punkten?

Ständige Shakehands unterm Sepplhut – stets aufgegriffen von Lokalzeitungen im benachbarten Bayern (bei denen die Schwelle für Berichterstattung vergleichsweise niedrig liegt) und vom Landespressebüro des Amtes der Salzburger Landesregierung. Aber kaum wahrgenommen von der urbanen Öffentlichkeit in der Stadt Salzburg.

Ein Büro im Freilassinger Gewerbegebiet, Aktivitäten für junge Leute, im Naturschutz, Aktionen im Breitensport und Tourismus, kaum Erfolge beim Engagement für Verkehrsprojekte. Sympathie in Brüssel, aber Widerstand bei den Zentralbürokratien in Berlin, München und Wien gegen euregionale Extrawürste, ob es um Berufsschulen, die Bahn oder Buskurse geht.

Und steht einmal ein kulturgeschichtlich markantes Ereignis wie 2003 das 100-Jahr-Jubiläum der „Länderbrücke“ zwischen Laufen und Oberndorf an, gelingt es nicht, vom Freistaat das Geld für die dringend notwendige Sanierung locker zu machen. Es reicht gerade für das Auflegen einer gleich gestalteten Briefmarke von deutscher und österreichischer Post.




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