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Frühling 2005

kommentarHans Lindenbaum

Sensibilität für das Notwendige

„Wir haben heute doch zumindest plausible Vermutungen darüber, was die Bereitschaft zu Zivilcourage begünstigt und was ihr entgegenwirkt“, sagt Christian Allesch, Persönlichkeits- und Kulturpsychologe mit Professur an der Uni Salzburg. „Es gibt aber keinen Anhaltspunkt für einen Geschlechterunterschied.“

An der Bühnenfigur der „Mutter Courage“ macht er fest, dass sie kein Beispiel für Zivilcourage sei: „Sie verliert ihre drei Kinder und passt sich an.“ Bertolt Brecht sei 1949, also kurz nach Kriegsende, wegen der falschen Interpretation der Zürcher Aufführung empört gewesen: Nicht nur Mutter Courage habe offenbar nichts gelernt, sondern auch das Publikum.

„Zivilcourage ist im Rückblick weniger aus Macht, sondern aus Opposition gegen Macht entstanden“, sagt Allesch. Wichtig dabei sei, dass wir uns Zivilcourage nicht im Sinne eines messbaren Persönlichkeitsmerkmals vorstellen, sondern als Verhaltensoption, die im Prinzip allen offen stünde, aber nicht von allen in gleicher Weise gewählt werden könne. Tatsache sei auch, dass es in Zeiten wie jener des Nationalsozialismus viele nicht schaffen, diesen Mut aufzubringen – und genau hier begännen die spannenden Fragen für den Persönlichkeitspsychologen.

Wie ist widerständiges Verhalten zu erklären? Zu den wenigen Konzeptionen der Psychologie, die einen brauchbaren Ansatzpunkt für diese Fragestellung liefern, zählt laut Christian Allesch die Individualpsychologie Alfred Adlers, bei dem „Geltungsstreben den entscheidenden Grundantrieb des Menschen“ ausmache. Dem gegenüber nehme Adler eine starke innere Triebkraft an, die das Geltungsstreben in Schranken halte, nämlich das Gemeinschaftsgefühl.

„Das Gemeinschaftsgefühl, von dem Adler spricht, ist nicht das rauschhafte Aufgehen in der Volksseele, sondern eine hoch entwickelte Sensibilität für die Notwendigkeiten der Kulturentwicklung. Aus dieser Sensibilität erwächst auch der Mut, aus dem Zug der Lemminge auszuscheren, der zwar das Gemeinschaftsgefühl rauschhaft überhöht, aber die Gemeinschaft selbst in den Abgrund führt.“

Vor dem Hintergrund derartiger Überlegungen zeichne sich vielleicht doch ein Charakterbild ab, das wir mit der Fähigkeit zum Widerstand, mit der Bereitschaft zum persönlichen Risiko verknüpfen können.

Hans Lindenbaum




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