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Frühling 2005

Hans Lindenbaum

Mutter Courage und Zivilcourage

Widerstand unter Lebensgefahr oder als Bestandteil des Lebens.

„Primocic Agnes, E 16“ steht auf der Stecktafel „Zimmerbelegung“ im Seniorenheim Hallein. Ende Jänner war Agnes Primocic eine Feier zum hundertsten Geburtstag gewidmet – nicht ausschließlich wegen des hohen Alters. Denn diese Frau lebt seit ihrer Jugend das Prinzip, „nicht wegschauen, wenn wo Unrecht geschieht“.

Als eines der so genannten Tschikweiber in der Halleiner Tabakfabrik ist sie in der Zwischenkriegszeit dabei, wenn es gilt, gegen soziales Unrecht aufzutreten. Schließlich wird sie, die Kommunistin, im Austrofaschismus in die Illegalität gedrängt, ohne deswegen aufzugeben. Dann sieben Jahre Nationalsozialismus. Primocic unternimmt waghalsige Aktionen, um Leuten, die wegen ihrer Gesinnung in Bedrängnis geraten sind, zu helfen: als Überbringerin von Nachrichten, Lebensmitteln, Kleidern, Waffen. „Wann ich heut oft noch nachdenk, mehr Glück als Verstand“, sagt sie in einem der Film-Porträts.

Als das Nazi-Regime in Salzburg nur mehr Tage dauern kann (sie ist bis dahin schon sechs Mal verhaftet und eingesperrt gewesen), wird ihr zugetragen: KZ-Häftlingen, die im Steinbruch bei Hallein Zwangsarbeit verrichten, drohe die Ermordung. In der Uniform einer Rotkreuzschwester verlangt sie von den SS-Wachen, zum Lagerkommandanten gelassen zu werden, setzt ihm die Ausweglosigkeit der Situation („D’ Ami san do scho in Rosenheim“) auseinander und stellt ihm in Aussicht, er könne nach dem Krieg entlastet oder eben zur Verantwortung gezogen werden. Und sie gibt einen Häftling, von dem sie nur den Vornamen kennt, als den eigenen Bruder aus. Das schier Unmögliche gelingt, 17 Gefangene überleben.

Sie musste das einfach tun, sagt sie im Rückblick. „Ich hätt’ mein ganz Leben koa ruhigs Gwissen mehr g’habt.“

Agnes Primocic wurde mit zunehmendem Alter zur lebenden Legende. Ihre Biographie und ihre Botschaft – „Schaun, dass so a Zeit nimma kimmt“ – regt zur Suche an: nach Leuten, die für Mut, Engagement, Zivilcourage und Widerständigkeit stehen.

Da berichtet die sozialistische Parteizeitung „Salzburger Wacht“ 1899, die Halleiner Tschikweiber hätten sich mit Arbeitsverweigerung erfolgreich gegen das Hinauswerfen einer Kollegin – diese hatte ihren Vorgesetzten auf die schlechte Qualität des Tabaks hingewiesen – durchgesetzt.

Der Streik der Bauarbeiter, 1929 eine Woche lang in Zell am See ausgetragen, wird als ein typisches Unterfangen von Männern überliefert: Da knallen Ohrfeigen für Streikbrecher; der von Zeller Bürgern der Gendarmerie als „Rädelsführer“ zur Verhaftung empfohlene Streikführer Sepp handelt souverän; der Feuerwehr schlitzen streikende Arbeiter jene Schläuche auf, die als Wasserwerfer verwendet werden sollten; das Streikziel, höhere Löhne, wird erreicht.

Schließlich jene widerständigen Frauen und Männer, die sich gegen Austrofaschismus und Nationalsozialismus auflehnen. Straßennamen rufen einige von ihnen ins Gedächtnis – unter anderem Engelbert Weiß und August Gruber. Im Zwischengeschoß des Salzburger Lokalbahnhofes erinnern Metalllettern im Granit des Fußbodens an vier Ermordete. Der Öffentlichkeit entzogen, nennt die Gedenktafel in einem Betriebsgebäude der ÖBB im Stadtteil Gnigl eine Reihe von Opfern unter den Eisenbahnern. Der Lokführer und spätere Bürgermeister von Saalfelden, Karl Reinthaler, wird mit drei Jahren Zuchthaus bestraft, weil er in Not geratenen Leuten hilft.

Die Näherin Rosa Hofmann aus Salzburg/Maxglan, leitendes Mitglied einer Widerstandsgruppe von jungen Kommunisten und Revolutionären Sozialisten, wird als 24-Jährige in Berlin mit dem Fallbeil hingerichtet. Ihr Gesinnungsgenosse Heinrich, damals Schlosserlehrling bei der Bahn, erleidet während seiner Haft in Berlin den Sadismus der Geheimen Staatspolizei. „Die haben dich ja psychisch bewusst gequält – die waren Weltmeister auf diesem Gebiet, die Gestapo-Leute.“ Weil er während seiner Konspiration noch Jugendlicher war, wird er Anfang 1945 begnadigt. „Fünfeinhalb Monate bin ich in dieser Todeszelle gesessen und zwei Mal in der Woche gestorben ...“

Unversehens sieht sich die Kellnerin Anna mit den Unterdrückern konfrontiert. Im Stiegl-Keller seien „Nazi-Bonzen“ gesessen, die „so protzig getan haben“. Also habe sie wenigstens subtilen Widerstand walten lassen: „Alle anderen habe ich zuerst bedient. Da haben sie sich nicht helfen können, haben sie warten müssen – weil es waren ja so viele Leute.“

Den Widerstand der Visitatorin der Barmherzigen Schwestern, Anna Bertha Königsegg, bezeichnet der Historiker Ernst Hanisch als die „couragierteste Protestaktion der Kirche in Salzburg“. Als die Nationalsozialisten beginnen, die geistig behinderten Frauen und Männer des Schlosses Schernberg im Pongau abzuholen, schreibt sie dem Gauleiter, sie wisse sehr wohl, dass schon kurz danach die Nachricht über deren Tod folge. Sie wird mehrere Male verhaftet, während dessen holt man Pfleglinge ab, einige können flüchten, und die Zwangsmaßnahme spricht sich herum.

Jahrzehnte später – und völlig andere Umstände. Spontan sei aus der Sorge um die Zukunft ihrer kleinen Kinder intensives Engagement geworden, das schließlich im Mandat der Karoline Hochreiter als Grüne im Salzburger Landtag mündet. Die „Salzburger Mütter für eine atomfreie Zukunft“ seien „ein einmaliges Erlebnis gewesen: geballte Kompetenz, Begeisterung, Leidenschaft“. Unter ihren Aktionen brillieren die für möglichst unverstrahlte Babymilch und jene für die Kinder von Tschernobyl. Das Klischee, Frauen würden aus dem Bauch, Männer aus dem Kopf heraus handeln, hätten sie widerlegt: „Wir haben Bauch und Kopf verbunden.“

Wie er sein Engagement so lang durchhalten könne, werde er mitunter gefragt, erzählt Heinz Stockinger. Der Uni-Lehrer des Fachs Romanistik leistet seit 1977 zivilen Widerstand gegen Atomkraft. Erst gelang es, das AKW Zwentendorf zu verhindern; an den erfolgreichen Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf erinnert seit dem Sommer 2000 das Denkmal zwischen Mozartsteg und Mozartplatz. „Jetzt läuft der Comeback-Versuch der Atomwirtschaft, ein zweites Atomzeitalter“, sagt Stockinger. „Das zermürbt, ist aber nicht hinzunehmen.“

Die wohl mutigste Kampagne unter üblicherweise blassen Aktionen von Politik und Verwaltung lancieren 1996 die beiden Frauenbüros von Stadt und Land „zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit und Stärkung der Zivilcourage“.

Provozierende Plakate, Spots und Auftritte thematisieren Gewalt in der Familie und fordern auf: „Haben Sie Mut, helfen Sie, mischen Sie sich ein.“




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